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Disruptives Szenario 1: Die Weltbevölkerung nimmt wieder ab

Über Jahrhunderte lebten nur sehr wenige Menschen auf der Erde. Gemäss den Modellen des United States Census Bureau bevölkerten im Jahr 1 rund 170 Mio. Menschen die Erde. In den folgenden tausend Jahren verdoppelte sich die Anzahl nicht einmal (310 Mio.). Erst irgendwann in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde die Milliarden-Schwelle erreicht. Es bedurfte erneut hundert Jahre, bis die Weltbevölkerung auf zwei Milliarden anwuchs (1930). Für die dritte Milliarde bedurfte es noch lediglich 30 Jahre (1960), für die vierte Milliarde (1970) nur noch 10 Jahre. Seit 1970 zeigte die Kurve zwar immer noch steil nach oben. Aber die Zeit für eine weitere Milliarde verlängert sich allmählich wieder auf 11 bis 13 Jahre. 2011 begrüsste die Erde ihren siebenmilliardensten Bewohner. Die noch zaghafte Verlangsamung der Zunahme ist bereits ein Indikator, dass die Entwicklung zu einem Ende kommen wird. world2050Gleichwohl wird das Wachstum weitere Jahrzehnte anhalten: 2050 dürften es neun Milliarden sein, zur Jahrhundertwende vielleicht elf Milliarden. In dreihundert Jahren jedoch, dürfte die Weltbevölkerung wiederum auf den Stand der 60er Jahre mit gut drei Milliarden sinken. Warum ist das so? Was sind die Indikatoren? Darauf komme ich gleich zurück, möchte aber vorher einige Mythen diskutieren: Geht es diesen vielen Menschen immer schlechter? Werden wir die Weltbevölkerung bald nicht mehr ernähren können? Und ist das Bevölkerungswachstum der ungebrochen hohen Fertilität in weiten Teilen der Welt geschuldet?

 

Menschliche Entwicklung: Eine Erfolgsgeschichte

Die Verdoppelung der Menschheit in den letzten 50 Jahren geht nach Ansicht vieler einher mit einer massiven Zunahme der Armut und des Elends in dieser Welt. Ist diese Ansicht faktengestützt? Die menschliche Entwicklung braucht Indikatoren, um Fortschritte oder Rückschläge zu messen. Ein möglicher Indikator für die Entwicklung der Gesundheit ist die durchschnittliche Lebenserwartung. Er drückt nicht alle Dimensionen der Gesundheit aus, zeigt aber zumindest wie ein Summand auf, wie viele frühzeitige Todesfälle vor Erreichen eines hohen Alters im Durchschnitt der Bevölkerung zu verzeichnen sind. Wer früh stirbt, ist entweder verunfallt, wurde ermordet, hat sich selbst das Leben genommen – oder am Häufigsten – ist an einer Krankheit gestorben. Ein Indikator für Wohlstand ist das Prokopf-Einkommen. Auch dieser Indikator ist unvollständig, da er beispielsweise weder die Lebenskosten (daher ist Armut relativ) noch das Vermögen berücksichtigt. Trotzdem ist das Prokopf-Einkommen ein relevanter Indikator für Wohlstand. Wenn wir nun die Fakten konsultieren, stellen wir fest, dass in den letzten 200 und vor allem in den letzten 50 Jahren eine bemerkenswert positive Entwicklung stattgefunden hat: 1810 waren alle Länder dieser Welt arm und „krank“: Die durchschnittliche Lebenserwartungen war in allen Ländern unter 40 Jahre. Im Laufe der folgenden Jahrzehnte änderte sich an diesem Bild nur wenig: Die Industrialisierung führte  zwar in einigen westlichen Ländern zu höherer Lebenserwartung und mehr Wohlstand, aber nicht markant. Andere Länder wie der Iran wurden wegen des Öls reicher. Insgesamt verharrten aber fast alle Länder in der Ecke „arm/krank“. Seit 1950 allerdings bewegte sich die überwiegende Mehrheit der Länder in Richtung „Mehr Wohlstand, höhere Lebenserwartung“. 1950 lag die durchschnittliche Lebenserwartung weltweit bei 47 Jahren. Heute liegt sie bei 69 Jahren. Die meisten Länder haben sich im letzten halben Jahrhundert zudem aus der extremen Armut lösen können und liegen nun im Mittelfeld – wenn auch mit grossen Ungleichheiten innerhalb der Länder selbst. Sorgen bereitet allerdings die Entwicklung vieler afrikanischer Länder: Vor 200 Jahren in einer sehr vergleichbaren Situation wie Europa und Asien, sind viele afrikanische Länder gegenüber Ländern aus Asien, Europa und den Amerikas über die letzten Jahrzehnte zurückgefallen.

Der schwedische Experte für Gesundheit, Professor Hans Rosling, hat 120’000 Daten für 200 Länder über die vergangenen 200 Jahre in einer animierten Grafik zusammengestellt. Und er stellt einen klaren Trend fest: „Alle können es schaffen, gesund und wohlhabend zu sein“ (Film siehe unten). Er sagte damit  schon früher das gleiche wie Bill Gates, der im Januar 2014 sagte: „Bis 2035 wird es fast keine armen Länder mehr in der Welt geben“2.  Das ist wahrhaftig ein disruptives Szenario: Erstmals in der Geschichte der Menschheit könnten praktisch alle mehr oder weniger gut leben.

Die grosse Herausforderung der nächsten Jahrzehnte wird allerdings Afrika sein. Nicht nur fallen viele afrikanische Staaten gegenwärtig in der Entwicklung ab: Gemäss den Bevölkerungsprognosen der UNO3 wird das künftige Bevölkerungswachstum fast zur Hälfte in Afrika stattfinden: Aus den heute 1.1 Mrd. Menschen in Afrika könnten es bis 2050 2.4 Mrd. werden und gegen Ende dieses Jahrhunderts sogar 4.2 Mrd. Diese letzte Zahl ist allerdings mit einer hohen Unsicherheit behaftet, worauf ich gleich noch einmal zurück komme.

 Ernährung reicht heute schon für 14 Mrd. Menschen

Aber können 9 oder gar 11 Mrd. Menschen überhaupt versorgt werden? Wird die wachsende Bevölkerung nicht zwangsläufig zu Hungernöten führen? Das Stichwort ist Überbevölkerung. Sind wir zu viele? Der österreichische Filmemacher Werner Boote, der durch seinen Film “Plastic Planet” bekannt geworden ist, zeigt in seinem neuen Film “Population Boom” auf, dass nicht die wachsende Weltbevölkerung das Problem ist – sondern die wenig nachhaltige Lebensweise des Westens. Boote zeigt in diesem Film, dass wenn wir alle Menschen der Welt nach Österreich verfrachten würden, jeder der 7 Mrd. Menschen elf Quadratmeter zur Verfügung hätte – und der ganze Rest der Welt menschenleer wäre!

Gegenüber pressetext sagte Boote zum Filmstart in Österreich 2013: ”Das wahre Problem der Erde ist sicher nicht die Überbevölkerung, aber sie dient als perfekte Ausrede für Armut, Hunger, Umweltverschmutzung und Ressourcenknappheit.” Im Film kommt die Bevölkerungsforscherin Betsy Hartmann vom Hampshire College zu Wort. “Die wenigen armen Länder mit höheren Geburtenraten verbrauchen die wenigsten fossilen Brennstoffe. Sie tragen die geringste Verantwortung, damals wie heute.” (zitiert nach pressetext).

 

In Kalorien ausgedrückt, reicht die heutige landwirtschaftlich bewirtschaftete Fläche aus, um eine weit grössere Weltbevölkerung ausreichend zu ernähren: Weltweit produzieren Bauern heute 4600 Kalorien essbare Nahrung pro Person und Tag (der tägliche Bedarf: 2400 Kalorien). Das reicht für 14 Mrd. Menschen. 35% der Getreideernte wird allerdings an Nutztiere verfüttert. Für eine Kalorie fleischliche Nahrung braucht es sieben Kalorien pflanzlicher Nahrung. Ganz ähnlich ist das Missverhältnis in Bezug auf Wasser: Die meisten Felder dieser Erde benötigen eine Bewässerung. Daher ist die Landwirtschaft mit 70% auch der grösste Verbraucher an Süsswasser. Wasserknappheit und Wasserstress ist in vielen Weltgegenden ein zunehmendes Problem. Umgekehrt ist es aber auch so, dass die Hälfte des in der Landwirtschaft genutzten Wasser verschwendet wird: Es verdunstet oder versickert an Orten, wo es keinen Nutzen stiftet. Wassereffizienz ist ein Schlüsselthema für die Zukunft.

Ein anderes Paradox, das ich hier nicht weiter diskutieren kann ist, dass es heute mehr Menschen gibt, die übergewichtig sind als solche die an Hunger leiden: 1 Mrd. Menschen hungern (und 2 Mrd. sind mangelernährt), während 1.5 Mrd. übergewichtig sind.

Die weltweite Bevölkerungsentwicklung ist also kein Problem der Ernährung (und anderer Ressourcen), wohl aber sind gewisse Lebensstile nicht nachhaltig genug. Mit anderen Worten: Die Herausforderung ist lösbar!

Fertilität: „Peak Child“ ist bereits erreicht

Die Weltbevölkerung wächst, weil nach wie vor zu viele Kinder zur Welt kommen. Falsch! Die Weltbevölkerung wird noch einige Jahrzehnte wachsen, weil wir es schaffen, dass immer mehr Menschen überleben und in guter Gesundheit ein hohes Alter erreichen. 1972 betrug die Fertilitätsrate weltweit im Durchschnitt 5 Kinder pro Frau im gebärfähigen Alter. In der Zwischenzeit hat sich diese Zahl halbiert. Bangladesh ist dafür ein Beispiel, dass von diesem Rückgang der Fertilität nicht nur die westlichen, vornehmlich die europäischen Ländern betroffen sind: 1972 hatte jede Frau in Bangladesh im Durchschnitt 7 Kinder zur Welt gebracht. 2012 ist die Fertilitätsrate in Bangladesh auf 2.2 Kinder pro Frau herunter gekommen. Der Rückgang der Fertilität ist ein weltweites Phänomen und der Trend kennt nur eine Richtung: Weniger Kinder.

Seit dem neuen Jahrtausend hat sich die Zahl der Kinder auf dieser Welt bei 2 Milliarden stabilisiert: Der so genannte „Peak Child“ ist erreicht – und dabei wird es auch bleiben. Gemäss neuen Statistiken der Weltbank weisen bereits 87 Länder eine Fertilitätsrate von höchstens 2.1 Kind pro Frau auf. Mit anderen Worten: Es wird nicht mehr Kinder geben, auch wenn die Weltbevölkerung noch um 2 Milliarden Menschen bis 2050 anwachsen wird. „Schuld“ an der Zunahme über die nächsten Jahrzehnte ist die kräftige steigende durchschnittliche Lebenserwartung: Die UNO-Bevölkerungsprojektion geht davon aus, dass diese bis 2050 auf 76 Jahre ansteigen wird. Wer sich den Film von Hans Rosling hier anschaut, wird fortan anders über die Bevölkerungsfrage denken.

Eine Ausnahme bilden etliche afrikanische Staaten. Sie verharren nach wie vor bei Fertilitätsraten von 5 bis 7 Kindern pro Frau. Daher geht die UNO auch davon aus, dass sich die Hälfte des künftigen Bevölkerungswachstums in Afrika abspielen wird. Allerdings könnte eher früher als später auch Afrika sich dem generellen Trend anschliessen. Voraussetzung dafür ist, dass die Kindersterblichkeit in Afrika deutlich zurückgeht. Es zeigt sich nämlich, dass etwas zeitverzögert einer sinkenden Kindersterblichkeit eine tiefere Fertilität folgt. Eindrücklich zeigt die hier verlinkte animierte Grafik den Zusammenhang auf: Auf der einen Achse ist die Fertilität dargestellt. Auf der anderen Achse die Anzahl toter Kinder pro Frau (wie viele der Kinder einer Frau sterben bevor sie 35 Jahre alt werden – also in einem subsistenzwirtschaftlichen Kontext für die Altersversorgung relevant sind). Es zeigt sich, dass in kurzer Verzögerung ein Rückgang der verstorbenen Kinder pro Frau zu einem Rückgang der Geburten pro Frau führt. Aus der Darstellung ist ersichtlich, dass einige afrikanische Länder wie Niger, Chad, Mali und andere nach wie vor eine sehr hohe Kindersterblichkeit und eine hohe Fertilitätsrate aufweisen. Aber auch die afrikanischen Länder bewegen sich in die genau gleiche Richtung wie alle anderen: Bessere Überlebenschance für Kinder bei sinkender Kinderzahl.

Ein weiterer Grund, warum ich davon ausgehe, dass die Weltbevölkerung wieder schrumpfen wird, ist die zunehmende Bildung speziell der Frauen in dieser Welt. 80% der Weltbevölkerung kann heute lesen und schreiben. Zwischen Literalität und Fertilität besteht eine klare, negative Korrelation: Je mehr Frauen lesen und schreiben können, desto weniger Kinder bringen sie zur Welt (Auch hierzu die animierte Grafik von gapminder). Auch bei dieser Korrelation zeigt sich der Rückstand einiger afrikanischer Länder. Aber auch hier zeigt die Entwicklung in dieselbe Richtung.

Um es also noch einmal zu sagen: Die Weltbevölkerung wird noch wachsen, aber nicht weil es immer mehr Kinder gibt, sondern weil diejenigen, die leben, die besseren Chancen haben zu überleben. In spätestens 80 Jahren wird aus dem Wachstum der Weltbevölkerung eine Schrumpfung. Angenommen, die Fertilität kommt auf 1.85 Kinder pro Frau herunter, werden nach Berechnungen der UNO im Jahr 2300 lediglich noch 2.3 Mrd. Menschen auf unserem Planeten leben – gleichviel wie 1940.

 Zweidrittel der Menschheit bis 2030 im Mittelstand

Weltweit werden wir daher über die nächsten Jahrzehnte folgende Entwicklungen sehen: Die Anzahl Kinder wird gleich bleiben. Bei wachsender Weltbevölkerung schrumpft daher weltweit der Jugendquotient. Kinder werden uns noch kostbarer – es ist in der Logik der demografischen Entwicklung, dass Kinderrechte sich dadurch mehr und mehr durchsetzen können und die Aufwachsbedingungen sich weiter verbessern werden. Die Anzahl der älteren Erdenbewohner wird ebenfalls deutlich zunehmen und zunächst in den europäischen Ländern, später auch in China und weiteren Ländern zu einer Herausforderung für die Altersicherung werden. Erfreulicherweise werden immer mehr Menschen bei guter Gesundheit alt. Trotzdem sind die Gesundheitssysteme der Länder  herausgefordert durch die wachsende Zahl sehr alter, betagter und pflegebedürftiger Menschen. In Asien, den Amerikas und vor allem in Afrika steigt zudem über die nächsten Jahrzehnte die Zahl der Menschen im erwerbsfähigen Alter. Sie suchen ein Auskommen für sich und ihre Familien. Finden sie es nicht in ihrer Nähe, werden sie wandern. Seit 2000 hat die weltweite Wanderung um 30 Prozent zugenommen – Flüchtlinge und Arbeitsmigranten zusammengefasst. Allerdings sind immer mehr Migranten mit einer höheren Qualifikation unterwegs – ein Faktum, das gerne übersehen wird. Wie die UNO und die OECD anlässlich des UNO-Gipfels zur Migration 20134 mit Zahlenmaterial darlegten, haben Auswanderer eine immer höhere Schulbildung. Bei den Auswanderern mit tertiärer Bildung handelt es sich zur Mehrheit übrigens um Frauen. Die andere bemerkenswerte, aber ignorierte Entwicklung betrifft die Wanderungsziele: Die Süd-Süd-Wanderung nimmt zu.

Entgegen der gegenwärtigen Krisenrhetorik bestehen gute Chancen, dass die Erwerbssuchenden Arbeit finden werden. Sowohl die OECD wie auch das Wolfensohn Center for Development kommen in Prospektivstudien zu einem ähnlichen Schluss: 2030 könnten bereits Zweidrittel der Menschheit dem relativen Mittelstand angehören. Während heute die Hälfte des Mittelstands in entwickelten Ländern wohnt, werden dann Zweidrittel der Mittelständer in Asien zu hause sein. Der Wohlstand, das ist die Quintessenz, dürfte sich also besser verteilen und immer mehr Menschen aus dem Überlebensmodus in einen sozial, ökonomisch und kulturell sichereren Lebensstil führen.

Showstopper

Dieses Szenario ist keine unerschütterliche Prognose. So könnte die Bevölkerungsentwicklung nachhaltig irritiert werden, wenn Pandemien wie einst die Pest substanzielle Einbrüche der Population verursachen würden. Besonders die besorgniserregende Zunahme von Antibiotika-Resistenzen stellt eine latente Gefahr der Weltgesundheit dar.

Protektionismus, Korruption, Kriminalität, Kriege und Bürgerkriege könnten überdies die ökonomische Entwicklung abwürgen und die erwarteten Wohlstandsgewinne zerstören.

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